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Reza Hajatpour, geboren 1958 im Iran, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Iranistik an der Universität Bamberg. Seine zwischen berechtigter fundierter Abhandlung und blinder Islamkritik wechselnden Ausführungen geben einen interessanten Einblick in die iranische Gesellschaft und das intellektuelle Dilemma des Iran.
Werke:

Die Autobiografie "Der brennende Geschmack der Freiheit. Mein Leben als junger Mullah im Iran", in der er auf diese für sein eigenes Leben wie für den Iran insgesamt entscheidenden Jahre zurückblickt, ist bereits aus der Perspektive des Emigranten geschrieben. Reza Hajatpour geht noch einmal zurück an den Anfang der Revolution, die im Iran inzwischen ein klerikales Machtsystem auf Dauer gestellt hat. Er erinnert sich an die undifferenzierte Lage in den späten 70er-Jahren, als viele verschiedene Fraktionen nur ein Ziel hatten: den Umsturz. "Kommunist oder gläubig oder wie du sonst sein magst: In einer Diktatur ist dies ein und dasselbe."
Als der Schah aus dem Land getrieben wird, und mit Ayatollah Khomeini eine islamische Autorität an die Macht kommt, erscheint dies zuerst auch Reza Hajatpour als der richtige Weg: "Viele Iraner, vor allem viele junge Theologen, waren der festen Überzeugung, dass Khomeinis Ziel dem der Heiligen Imame der Schia entspräche, nämlich die Herstellung der Gerechtigkeit. Demokratie werde die Diktatur ersetzen." Die Enttäuschung dieser Hoffnung beschreibt Reza Hajatpour in einer indirekten Form, indem er seine eigene intellektuelle Desillusionierung protokolliert. Er tut sich schwer, die Theologie als einzige Erkenntnisquelle zu akzeptieren. Aber er verfügt nicht über die Kategorien, aus diesem System hinauszutreten. Die im Westen geläufigen Formen von Subjektivität und Gewissensfreiheit sind ihm nicht vertraut.
Er arbeitet sich in der islamischen Theologie allmählich nach oben, sieht zugleich aber immer argwöhnischer die Praxis der Mullahs, die im revolutionären Iran "für alles verantwortlich sind". Die radikale Linke und der reaktionäre Klerus kommen immer wieder im Hass auf den Westen, vor allem auf die USA, überein. Reza Hajatpour lässt sich vorschnell auf eine arrangierte Ehe ein, heiratet später heimlich ein zweites Mal, und erregt allmählich das Misstrauen seiner Freunde in Ghom, der Stadt der Theologen. Er kommt vor ein Revolutionsgericht, wird freigesprochen, meldet sich freiwillig für den Dienst im Krieg gegen den Irak, kommt mit dem Leben davon, und endet als Dorfgeistlicher im bitterarmen Norden des Iran.
Von seinen Erfahrungen erzählt er in einer Sprache, die noch erkennen lässt, welch weiten Weg er aus dem Iran an eine deutsche Uni zurückgelegt hat: "Dieser Moment war für mich ein Augenblick der Dürre, die mich in einen zeitlosen Schmerz versetzte, als ob ein Dolch in meinen Augen stecken bliebe", schreibt er über den Tod seines Bruders im Krieg...
Quelle: diestandard.at

Iranische Geistlichkeit zw. Utopie und Realismus
Im Zuge der Globalisierung und
der damit verbundenen weltweiten Informationsgesellschaft treffen Kulturen
frontal aufeinander, weswegen der interkulturelle Dialog notwendiger ist als
je zuvor. Dem gegenüber gibt es allerdings Kräfte, deren Interesse ein klares
Feindbild "Gut" gegen "Böse" aufrechtzuerhalten versucht. Für die westliche
Gesellschaft ist das "Böse" das Schreckgespenst des Islams, jedenfalls in Form
der Vorstellung der islamischen Utopien für einen "Gottesstaat". Ungeachtet
des pathologisch kranken Fundaments der islamischen Religionsvorstellung,
welches aber genauso auch in den anderen monotheistischen Buchreligionen der
Christen und Juden besteht, erscheint es viel zu einfach, den Islam auf eine
bestimmte Ideologie festzulegen. Die Strömungen innerhalb dieser Religion sind
genauso vielfältig, facettenreich und unterschiedlich zueinander wie in
anderen Systemen auch.
Im Koran selbst findet sich keinerlei Hinweis auf die Gestaltung eines
Gottesstaates, denn dieser gilt erst möglich, wenn der letzte Imam sich aus
seiner Verborgenheit sichtbar manifestiert. Philosophisch steht dahinter der
Gedanke, dass solches in einer weltlichen Realität überhaupt nicht möglich
ist. Der heilige Krieg ist synonym mit der Rückkehr ins Paradies und der
Erkenntnis, dass ein Paradies auf Erden nicht möglich sei. Im Grunde ist dies
also dieselbe Idee wie der christliche augustinische Gottesstaat, der nur im
Himmelreich verwirklicht werden kann. Dennoch gibt es die Bestrebungen, einen
solchen Gottesstaat zu verwirklichen, und die Bemühungen dahingehend lassen
sich am besten am Beispiel des Iran aufzeigen, da dieser das einzige
islamische Land ist, wo dies versucht wurde zu verwirklichen. Dabei gehört die
Staatsidee selbst schon zur Moderne, was vom Westen gerne ignoriert wurde.
Die Verfassung des Iran, die auf demokratischen Ideen beruht, ist nun bereits
einhundert Jahre alt und war schon damals ein Zeichen dafür, dass Moderne und
Tradition sich zu vermischen begannen. Angehalten wurde dieser Prozess durch
den Staatsstreich 1921 von Reza Khan und die Einführung der Monarchie, was die
Bevölkerung zwar unterdrückte, aber genauso auch mit westlichem Denken
infiltrierte. Erst mit der Revolution 1979 wurde diese Diktatur beendet und
die erste islamisch- klerikalische Staatsform unter Khomeini eingeführt. Der
anfangs vom Westen zu Recht geächtete Fundamentalismus hat seitdem viele
Entwicklungen durchlebt und sich längst wieder liberalisiert. Selbst unter dem
"Revolutionsrat" zu Khomeinis Zeiten gab es aber – ähnlich vielleicht wie
unter den vielfältigen unterschiedlichen Gruppierungen unserer NS-Zeit –
völlig konträre Sichtweisen.
Diese zu kennen und differenzieren zu lernen, gehört eigentlich zur Pflicht,
wenn man in der Gottesstaats-Debatte mitreden möchte. Denn es ist sehr profan
zu glauben, dass die islamischen Geistlichen als Urheber solcher Visionen ins
tiefste christliche Mittelalter zu rücken wären. Im Gegenteil handelt es sich
um eine politische Philosophie auf höchstem Niveau, die sich sehr wohl auch
fundierteste Kenntnisse der westlichen Philosophie angeeignet hat. Demokratie,
Pluralismus, Rechtsstaatlichkeit, Bürger- und Menschenrechte spielen in den
religiösen Diskussionen eine große Rolle. Wie erwähnt, ist im Offenbarungstext
des Koran auch keine Stelle zu finden, mit der ein politisches Mandat der
Religion eindeutig begründet werden könnte. Natürlich gibt es schon seit dem
frühislamischen Kalifat ein "dualistisches" System mit Aufteilung politischer
und religiöser Aufgaben, aber historisch ist das sowohl bei den Sunniten mit
dem Tod des 4. Kalifen als auch bei den Schiiten mit dem Entschwinden des 12.
Imam aufgehoben.
Das islamische Gesellschaftsbild ist utopisch und lässt sich nicht politisch,
sondern nur weltanschaulich definieren. Die Schiiten erkennen außer den zwölf
Imamen keine rechtmäßigen Herrscher an und auf Mohammed selbst kann sich
mangels Äußerungen von ihm sowieso kein Mohammedaner beziehen. Die Meinungen
gehen bereits seit seinem Tod erheblich auseinander, weswegen es eine große
Vielzahl religiöser Gruppierungen und Richtungen gibt. Die Herrschaft des
"einfachen" Menschen wird – da er göttlichen Ursprungs ist – solange
akzeptiert, bis irgendwann der zwölfte Imam als rechtmäßiger endzeitlicher
Herrscher wieder erscheint. Auch im Islam es am naheliegendsten, deswegen den
islamischen Staat auf freier Wahl und Volksherrschaft zu begründen.
Die Errichtung eines islamischen Staates ist eigentlich nur der Versuch, die
kulturelle Eigenart bewahren zu können. Es handelt sich dabei um eine Sache
der Vernunft. Eine islamische Identität der Muslime ist im Grunde ein Zeichen
der Verwestlichung, um überhaupt eine gewisse Geschlossenheit der islamischen
Welt in politisch und religiös-geistlicher Hinsicht präsentieren zu können.
Obwohl die Grundrichtung dadurch schon immer antiwestlich ist, wurde die
Notwendigkeit der Aneignung der modernen Wissenschaft und des westlichen
Denkens auch immer als notwendig betrachtet. Die islamischen Philosophien
gingen sogar so weit festzustellen, dass die Europäer mit der Praxis der
Freiheit, der Gleichheit und der bürgerlichen Gesetze eher dem Islam folgten
als die Muslime selbst. Seit der Verfassungsschaffung von 1906 im Iran setzten
sich die religiösen Führer für modernes Bildungssystem, moderne Wissenschaft
und politische Erneuerung ein, wobei sie aber den Parlamentarismus immer
wieder ablehnten. Modernisierung und Verwestlichung wurden immer klar
unterschieden, aber dessen, dass Modernisierung nicht vollkommen ohne
Verwestlichung machbar ist, war man sich ebenso bewusst. Es gab jedoch keine
Alternative zur Modernisierung, denn für den Fortschritt ist es unabdingbar,
dass Armut und Elend im Volk beseitigt werden.
Schlüssig bleibt auch dabei die Bemühung, eigene Werte von denen der
westlichen Zivilisation abzugrenzen. Soziale westliche Gedanken und deren
Wissenschaften haben nichts mit Religion zu tun und stehen nicht in
Widerspruch zu ihr. Vertreter des Gottesstaates sehen in ihrem Modell ein
demokratisches und nicht-aristokratisches System. Die Schiiten sehen im Islam
selbst eine revolutionäre Bewegung gegen die Schia der sunnitisch islamischen
Mehrheit. Aber nie legten die Anhänger der 12-Imam-Lehre es auf einen Kampf
gegen die so genannten unrechtmäßigen sunnitischen Herrscher an, wobei die
schiitische Auffassung vom idealen Zweck der Religion im Kern die
revolutionäre Aktion begünstigt, was 1978 auch zur Revolution von Khomeini
führen konnte. Im Iran steht seitdem allerdings die Erneuerung der islamischen
Gesellschaft auf der Tagesordnung, die ursprünglichen Ziele, diese Revolution
zu exportieren, wurden fallen gelassen und die derzeitigen Reformbestrebungen
sind auch nicht mehr radikal.
Quelle: www.buchwurm.info
Mahdi
Haeri Yazdi (1923-1999) zählt zu den bedeutendsten schiitischen
Philosophen des 20. Jahrhunderts in Iran. Der religiöse Gelehrte Haeri Yazdi
verdient Beachtung vor allem durch die Art und Weise der Auslegung und der
Deutung der islamischen Philosophie, der er eine interkulturelle Perspektive
verleiht. Denn für Haeri ist "Philosophie" eine Art des Denkens, "eine
Einsicht", die sich von einer bestimmten Kultur nicht begrenzen lässt. "Sie
gehört der Menschheit." Auch seine Existenzphilosophie erhält eine universelle
Tragweite, ein universelles Bewusstsein, denn Sein und Weltganzes kommen allen
Menschen gleichermaßen zu. In diesem Sinne ist die Absicht der Menschen im
Geist des Philosophierens dieselbe. Der Unterschied zwischen den Völkern und
Kulturen gehe jedoch aus der Methode und der Auslegung ihres Denkens hervor.
Haeri Yazdi lässt sich daher auf eine Verständigung der islamischen
Philosophie mit Andersdenkenden in einer Art doppeltem Dialog ein. Einerseits
sucht er den Dialog mit den Theologen und Philosophen aus den eigenen Reihen
und andererseits mit westlichen Philosophen.
Durch sein Studium und seine Lehrtätigkeit in den USA und in Kanada stand Haeri Yazdi in enger Beziehung zu westlichen Wissenschaftlern und Philosophieprofessoren, von denen Haeri die westliche Philosophie aus erster Hand vermittelt bekam. Immanuel Kant, David Hume, Ludwig Wittgenstein, G. E. More und nicht zuletzt sein eigener Lehrer William K. Frankena und viele Andere sind Persönlichkeiten, deren Philosophie seinen Blick für das Neue öffneten, seinen geistigen und humanistischen Horizont bereicherten und seine kritischen Fähigkeiten und nicht zuletzt den Blick auf das Eigene und das Fremde erweitern. Seine Mitgliedschaft als islamischer Philosoph im Internationalen Ethikrat des ›Kennedy Institute of Bio-Ethics‹ an der Georgetown University brachte ihn in eine Position, in der er seine Philosophie in einem interkulturellen Kontext mit anderen Philosophien und Weltreligionen vermitteln konnte: Haeri Yazdi begab sich in einen weltphilosophischen Kontext.
Der Autor Reza Hajatpour beabsichtigt in dieser Einführung, die Bedeutung und Tragweite der Philosophie Haeri Yazdis hervorzuheben, die ihr einen gleichwertigen Platz neben allen großen Philosophen zuweist. Sein philosophischer Diskurs zeigt eine interkulturelle Denkweise, die in Anlehnung an das Erbe mit einem neuen Bewusstsein nach Gleichwertigkeit und einem gemeinsamen Leben in Frieden und Selbständigkeit strebt.
Quelle: www.bautz.de
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